
„Jede Ärztin und jeder Arzt im Gesundheitssystem ist wichtig. Wir Hausärztinnen und Hausärzte sind aber für Gesundheitsanliegen die erste ärztliche Anlaufstelle und lösen mehr als 75 Prozent der Fälle direkt vor Ort in unseren Ordinationen. Damit bieten wir eine wohnortnahe, patientenzentrierte und kostengünstige Medizin. Wir begleiten unsere Patienten von der Jugend bis ins hohe Alter“, sagt Angelika Reitböck, Präsidentin des Österreichischen Hausärzteverbands. „Es ist daher nicht nur ein Gebot der Fairness, auch die klassischen Kassenordinationen im gleichen Ausmaß wie die Primärversorgungseinheiten zu fördern. Darüber hinaus würde das einen wesentlichen Anreiz zur Besetzung offener Kassenstellen darstellen.“ Angelika Reitböck im „Presse“-Interview.
Die Presse: Sie kritisieren die Pläne der Bundesregierung vehement. Die Stoßrichtung sei eindeutig: Staatlich geförderte Primärversorgungseinheiten (PVE) sollen ausgebaut werden, während Kassenordinationen ohne vergleichbare Unterstützung zunehmend ins Hintertreffen geraten würden. Wie kommen Sie zu diesem Schluss?
Angelika Reitböck: Seit Jahren werden Fördergelder für die Primärversorgung exklusiv in sogenannte Primärversorgungseinheiten investiert. 2024 bis 2026 die 100 Millionen Euro vom Wiederaufbaufonds der EU, nun auch jährlich 300 Millionen Euro vom Bund. Ich zitiere dazu das Bundesministerium für Gesundheit: „Die Stärkung des niedergelassenen Bereichs ist in der aktuellen Gesundheitsreform eines der wichtigsten Vorhaben. Dafür werden von 2024 bis 2028 jährlich zusätzlich 300 Millionen Euro vom Bund zur Verfügung gestellt.“ Exklusiv wieder für den raschen Auf- und Ausbau der Primärversorgung, insbesondere in Form von PVE plus Kinder-PVE. Sehr viele Kolleginnen und Kollegen haben sich nun beschwert, dass hier eklatante Ungleichheiten vorliegen. Die Benachteiligungen klassischer Kassenordinationen gegenüber subventionierten PVE sind ziemlich gleichmäßig über alle Bereiche wie Investitionen, Personal, Infrastruktur und Honorare verteilt. Mit diesen Nachteilen können die herkömmlichen Kassenordinationen nicht mithalten. Zudem fällt die hohe unternehmerische Verantwortung und Belastung, die wir in der klassischen Kassenordination haben, im PVE vollständig weg. Kommt es im PVE zu einer finanziellen Schieflage, springen die subventionierenden Institutionen ein. Zudem gehört erwähnt, dass die bislang existierenden 119 PVE nicht einmal zehn Prozent der Bevölkerung medizinisch versorgen und es im Lichte dieser Situation höchst abenteuerlich erscheint, unser jahrzehntelang bewährtes Hausarztmodell als „Auslaufmodell“ darzustellen.
Sie haben PVE auch schon als „Parallelmodell“ und eine „Wettbewerbsverzerrung“ bezeichnet. Dabei gelten PVE mit längeren Öffnungszeiten und breiterem Leistungsangebot durchaus als Zukunftsmodell, weil viele Einzelordinationen nicht besetzt oder nicht nachbesetzt werden können. Inwiefern besteht hier eine Konkurrenzsituation?
In Regionen mit ausgeprägter medizinischer Unterversorgung stellen PVE-Lösungen keine Konkurrenz zur traditionellen Hausarztmedizin dar. Speziell in Ballungsräumen sind sie eine sinnvolle Ergänzung zu den Hausarztpraxen. Es darf allerdings ein bereits zu beobachtender Trend, offene Kassenstellen oder auch nachzubesetzende Kassenstellen, bei denen es auch schon Interessenten gibt, verpflichtend in ein PVE umzuwandeln, nicht fortgeführt werden. Wir sind auch keineswegs gegen Reformen des Gesundheitssystems. Es ist aber von elementarer Bedeutung, die wichtigste Säule der medizinischen Basisversorgung, nämlich wir Hausärztinnen und Hausärzte, auf Augenhöhe eingebunden werden.
Die Primärversorgung umfasst auch Kinder- und Zahnärzte sowie Gynäkologen. Warum sind aus Ihrer Sicht ausgerechnet Hausärzte die wichtigste Säule der Basisversorgung?
Jede Ärztin und jeder Arzt im Gesundheitssystem ist wichtig. Wir sind aber für Gesundheitsanliegen die erste ärztliche Anlaufstelle und lösen mehr als 75 Prozent der Fälle direkt vor Ort in unseren Ordinationen. Damit bieten wir eine wohnortnahe, patientenzentrierte und kostengünstige Medizin. Wir begleiten unsere Patienten von der Jugend bis ins hohe Alter. Wir kennen nicht nur die individuellen Krankengeschichten der Patienten und deren persönliche gesundheitlichen Bedürfnisse, sondern auch deren familiäres und soziales Umfeld. Damit bieten wir Hausärzte ein maßgeschneidertes Konzept, das durch keine andere alternative Organisationsform auch nur annähernd gleichwertig ersetzt werden könnte.
Heißt das in erster Linie, dass auch Einzelordinationen ähnliche Förderungen erhalten sollten wie PVE, die im Übrigen auch vom Land gefördert werden?
Es ist nicht nur ein Gebot der Fairness, auch die klassischen Kassenordinationen im gleichen Ausmaß wie die PVE zu fördern. Darüber hinaus würde das einen wesentlichen Anreiz zur Besetzung offener Kassenstellen darstellen.
„Um möglichst optimale Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung und den Ausbau einer modernen und effektiven Hausarzttätigkeit zu schaffen, braucht es eine Modernisierung des Kassenvertrags mit der Möglichkeit für Teilzeitkassenverträge.“
Angelika Reitböck
Hausärztin
Was fordern Sie noch, um Kassenverträge attraktiver zu gestalten und mehr Medizinerinnen und Mediziner für das Betreiben einer Kassenordination zu begeistern?
Um möglichst optimale Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für die Weiterentwicklung und den Ausbau einer modernen und effektiven Hausarzttätigkeit zu schaffen, braucht es eine Modernisierung des Kassenvertrags mit der Möglichkeit für Teilzeitkassenverträge, mit Regelungen für Karenzzeiten, fairen und höheren Kassenhonoraren ohne leistungsfeindliche Limitierungen, gleichen Investitionsförderungen wie für ein PVE und vor allem auch weniger Bürokratie in unseren Praxen. Ein Beispiel: Bei Ärztinnen ist es viel leichter, in einer Wahlarztpraxis in den Mutterschutz zu gehen. In einer Kassenpraxis muss in einer derartigen Situation oft die sehr schwierige Suche nach einer längeren Vertretung angetreten werden – verbunden mit vielen bürokratischen Umstellungen. Aus diesen und anderen Gründen entscheiden sich immer weniger Ärzte für einen Kassenvertrag und gehen lieber in die Wahlarztpraxis.
Befürworten Sie eigentlich eine Überweisungspflicht für Fachärzte? Sollen also Patienten Fachärzte nur mit hausärztlicher Überweisung aufsuchen dürfen?
Diese Frage kann erst dann seriös geklärt werden, wenn genaue Zahlen vorliegen, wie viele Patienten tatsächlich die Fachärzte ohne Überweisung aufsuchen. Dann kann auch eine eventuelle wirtschaftliche Ersparnis mit einer derartigen Maßnahme für das Gesundheitssystem richtig eingeschätzt werden. Und damit auch die Frage, ob sich der zusätzliche Aufwand in Abwägung zum Nutzen auch tatsächlich lohnt. Diese Zahlen liegen aber nicht vor.
Zur Person
Angelika Reitböck ist Hausärztin mit einer Kassenordination und Fachärztin für Dermatologie in Klaus/Steyrling in Oberösterreich, Präsidentin des Österreichischen Hausärzteverbands und Leiterin des Vorsorgereferats der Ärztekammer für Oberösterreich.
https://www.diepresse.com/39987212/hausarztpraxen-als-auslaufmodell-darzustellen-ist-abenteuerlich


