
Von Sigrid Brandstätter, 22. Dezember 2025, 05:00 Uhr
LINZ. Angelika Reitböck ist die Präsidentin der österreichischen Hausärzte – deren Zahl ist bei gleichzeitig steigender Bevölkerung im Sinken.
Was den Hausarztberuf attraktiv macht, wo es aus ihrer Sicht Wettbewerbsverzerrungen gibt und warum es in bestimmten Gegenden so etwas wie eine Spirale nach unten gibt, wenn es darum geht, Kassenstellen zu besetzen. Darüber spricht die Präsidentin der Hausärzte, Angelika Reitböck, Landärztin in Klaus-Steyrling.
Sie haben sich ursprünglich auf Dermatologie spezialisiert, jetzt sind Sie die Präsidentin der österreichischen Hausärzte. Was macht den Hausarztberuf für Sie attraktiv?
Angelika Reitböck: Er ist sehr abwechslungsreich. Es ist schön, den gesamten Menschen zu betreuen. Weil viele Fachgebiete bei einem zusammenfließen, lernt man selbst viel und ist immer up to date. Egal ob in der Orthopädie, der Neurologie oder Psychiatrie.
Verstehen Sie dann, dass es immer weniger heißt, ein Hausarzt zu sein, ist wenig attraktiv?
Ich verstehe es aus der Zeit, als ich studiert habe. Damals haben uns weder Professoren noch die Kollegen, die schon in den Spitälern waren, empfohlen, die Allgemeinmedizin anzustreben. Die Hausärzte galten auch als nicht so gut ausgebildet.
Die Ärztekammer vermittelt, der Hausarzt und der damit verbundene Kassenvertrag müsste attraktiver werden. Muss man das wirklich und wenn ja, in welche Richtung?
Es ist sehr viel passiert an den Universitäten. Es gibt ein klinisch-praktisches Jahr an der Medizinischen Fakultät in Linz vier Wochen bei einem praktischen Arzt. Dabei lernen die Studenten diese Arbeit kennen. Die Abwechslung und Vielfalt gefällt vielen. Ein Meilenstein war auch der Facharzt für Allgemeinmedizin. Wo es noch Nachbesserung braucht, ist bei der finanziellen Abgeltung. Fachärzte in den Krankenhäusern sind einfach besser gestellt.
Die Ärzteinkommen gehören zu den höchsten im Land. Das zeigen auch Auswertungen, die die ÖGK von IHS erstellen ließ. Dass es finanziell nicht attraktiv ist, ist doch eine Mär.
Ich kann sagen, jeder Cent für einen Arzt im Kassensystem ist hart verdient. Es gibt keinen Beruf, in dem es heißt, für das Erdgeschoß zahl ich den vollen Preis, aber den ersten Stock machen Sie mir gratis. Das gibt es nur im Kassensystem.
Aber ab einer bestimmten Anzahl an Patienten sind die Vollkosten in einer Ordination gedeckt.
Es gibt keinen Arzt, der viele Patienten durchschleusen will. Der eigene Verschleiß wird mehr, die Qualität wird schlechter, die Gefahr, dass Fehler passieren, steigt.
Welche Auswirkung haben die unbesetzten Kassenarztstellen?
Bei den Hausärzten fehlen seit Jahren 40 bis 50 Kassenstellen in Oberösterreich. Das führt zu Mehrarbeit, die wenigsten Patienten gehen zu Wahlärzten. Am Land sind diese für uns keine Entlastung. Die Arbeit übernehmen die Hausarzt-Kassenärzte – bei den angesprochenen Limits und Einschränkungen. Die jungen Kolleginnen und Kollegen schauen sich an, in welcher Region es viele offene Stellen gibt, weil sie sich dann ausrechnen können, welche Belastung auf sie zukommt. Und sie schauen sich genau an, welche Leistung sie herausbekommen.
Wo sehen Sie das Problem?
Es gibt mehr Einwohner, die Zahl der Hausärzte ist über viele Jahre gesunken. Im Schnitt hat jeder praktische Arzt in Oberösterreich im Jahr 1200 Patienten in einem Quartal. Die Schieflage wird immer größer.
Was die Belastung angeht, da sollen Primärversorgungseinheiten (PVE) mit Ärzteteams und weiteren medizinischen Fächern doch Abhilfe schaffen.
PVE versorgen derzeit maximal zehn Prozent der Bevölkerung. Sie sind eine wichtige Ergänzung, aber für Ballungsräume, nicht am Land. Am besten kann die wohnortnahe, patientenzentrierte Versorgung der Hausarzt erfüllen. Und es gibt viele Modelle, die es für Allgemeinmediziner möglich machen, als Hausarzt tätig zu sein – abseits einer Einzelpraxis. Dort ist gewährleistet, dass die Ärzte ihre Patienten kennen. Im PVE sind drei Ärzte oder mehr. Da ist eine persönliche Betreuung schwieriger zu gewährleisten. Wir normalen Kassenärzte haben auch nicht den großzügigen Zugang zu den erweiterten Angeboten, etwa bei Diätologen. Das ist eine Schieflage, die eine Wettbewerbsverzerrung ist.
Können Sie das erläutern?
Gerade das Übergewicht nimmt rasant zu. In einer Primärversorgungseinheit kann Diätberatung angeboten werden, die den Patienten nichts kostet. Überweise ich an eine Diätologin, muss der Patient für die gleiche Leistung bis zu 150 Euro bezahlen.
Im Gesundheitsplan für Oberösterreich sind 50 weitere Hausarzt-Kassenarztstellen geplant. Werden diese besetzt werden können?
Solange diese seit Jahren offenen Stellen nicht besetzt werden können, wird sich nichts ändern. Es ist wichtig, Kassenarztstellen zu attraktivieren. Es gibt zu viel Bürokratie, weil die digitalen Systeme etwa zur Befundübertragung nicht vereinheitlicht sind. Je weniger Bürokratie, desto attraktiver ist das Kassensystem. Hier gibt es viel Potenzial – auch kassenseitig und zur Vereinfachung.
Ab 2026 kommt doch die einheitliche Diagnosecodierung, die wurde vor Weihnachten im Nationalrat beschlossen.
Die hat mit unseren gebräuchlichen Diagnosen nichts zu tun. Das Gesundheitsministerium besteht auf diesem Code. Das ist ein Hindernis, weil es viele Unschärfen beinhaltet. Die Diagnostik und Therapie mit unseren eng definierten Diagnosen wird damit verwässert.
Werden wir generell kränker?
Die Bildschirmzeiten werden mehr, die Bewegung weniger. Die Prävention wird wichtiger. Wir leisten viel an Beratung, die aber nicht von den Kassen honoriert wird. Jeder andere Selbstständige würde sagen, da sperre ich zu. In Wien gibt es hingegen einen Zuschlag, wenn ein ausgelasteter Hausarzt zusätzliche Patienten versorgt. Diese Ungleichheiten im System gehören abgestellt. Was ich ablehne, ist ein pauschales Honorarsystem, das die ÖGK aber anstrebt. Das führt zu einer Verschlechterung der Qualität der Behandlung.
Warum?
Wenn ich das gleiche Geld bekomme, egal ob ich noch Blut abnehme, ein EKG anhänge oder eben nicht, dann wird es zunehmend so sein, dass viele den leichteren Weg wählen. Das ist doch logisch. Und der Patient bekäme eine schlechtere Versorgung als jetzt.
Zur Person
Angelika Reitböck ist seit dem Jahr 2006 Allgemeinmedizinerin mit einem Kassenvertrag in Klaus-Steyrling. Seit 2019 ist sie Präsidentin des Vereins der Hausärzte in Österreich, einer Vereinigung von rund 400 Hausärzten in ganz Österreich.


